Vor 25 Jahren: Flüchtlinge in Osterode

Deutschland erlebt derzeit einen großen Ansturm von Flüchtlingen. Viele positive Signale gehen von der Osteroder Bevölkerung aus, eine ausgeprägte Willkommenskultur und ein großes Engagement der Bürgerinnen und Bürger sind zu spüren. Das ist gut so, aber es ist eigentlich gar nichts Neues. Die Erkenntnis aus den Vorgängen vor 25 Jahren ist: Man hätte heute viel besser vorbereitet sein können, wenn die Politik das Thema im Fokus behalten hätte. Blicken wir also kurz zurück in die Berichterstattung des Osteroder Kreisanzeigers vom 10. Juni 1989.

Damals, so ist zu lesen, informierte sich eine Ratsfraktion über die Situation von Aussiedlern und Asylanten im Landkreis Osterode. Probleme der Unterbringung und der Verständigung aufgrund sprachlicher Schwierigkeiten standen im Vordergrund, wie heute noch immer. Und im Blindensanatorium sollten Aussiedler und Asylanten eine Unterkunft finden. Aber - und hier scheint sich ebenfalls die Geschichte zu wiederholen - bereits vor über 25 Jahren drangen nur wenige Informationen an die Bevölkerung. Das Innenministerium, so ist zu lesen, untersagte sogar kurzerhand eine Pressekonferenz zur Information der Öffentlichkeit.

Die Frage mangelnden Vertrauens in Betreiber bzw. Leiter der Einrichtung war auch vieldiskutiert. In einem Leserbrief wendet sich der bekannte Hotelier Kurt Schreiber an den, wie er schreibt, "schlitzohrigen" Helmut Bauersfeld, der in einer Blitzkarriere "zum Verwaltungsleiter und Organisationsleiter des ehemaligen Blindenheimes als Aussiedlerauffanglager berufen wurde oder sich berufen hat". Und die damaligen Bedenken des Herrn Schreiber ähneln denen, die heute gegen Princess of Finkenwerder vorgebracht werden: "Hier sehe ich Gefahr im Anzug. Für unsere Aussiedler muss echt gesorgt werden. Hier kann und darf, bei allem Organisationstalent, nicht geschlampert werden. Das Schicksal der Menschen, die zu uns kommen, erfordert sorgfältige Betreuung."

Kurt Schreiber fährt in seinem Leserbrief fort und wendet sich direkt an den designierten Einrichtungsleiter: "Wenn Du mit fünf Mitarbeitern eine Leistung erbringst, die 25 nicht schaffen können, ist das nur auf Kosten der Betreuungs- und Versorgungsmöglichkeiten durchzuführen und auf lange Sicht unmöglich. Da bin ich 50 Jahre in dem Geschäft gewesen und kann es bestimmt beurteilen. Du lehnst jede Aussage über Abrechnungs- und Gehaltsfragen ab."

Wiederholt sich die Geschichte mit wechselnden Akteuren? Zu hoffen ist, dass durch das Mitwirken Til Schweigers eine andere Kommunikationskultur enstehen möge. Dass die Bevölkerung Osterodes eingebunden und mitgenommen wird, wie es eigentlich sein sollte. Ein privater Betreiber einer Flüchtlingsunterkunft muss transparent und offen agieren und kommunizieren. Das Hauptziel der Einrichtung darf nicht Gewinnmaximierung sein, sondern muss auf der qualitativ hochwertigen Unterbringung liegen. Aber insbesondere hier hegte schon vor 25 Jahren jemand offenbar berechtigte Zweifel.

Damals war es Kurt Schreiber. Und heute werden wir genau hinschauen. Darauf können Sie sich verlassen.

 

Quelle: Osteroder Kreis-Anzeiger, Ausgabe vom Samstag, 10.06.1989